in Weltwoche nr 6 – 10/02/2000

Drei Videomonitore stehen nebeneinander. Jeder von ihnen zeigt einen unaufgeräumten Spülstein, der zum Exerzierfeld einer mysteriösen Choreographie wird: pausenlos schwirren Gegenstände, Teller, Löffel, Gläser wie von Geisterhand bewegt durch den Raum, werden auf sich selbst abgelegt oder, wenn das Band rückwärts läuft, von ihrem Platz weggenommen. Bei der fesselnden Installation handelt es sich um eine Computerarbeit aus der “Overwrite Series” (seit 1991) des Genfer Künstlers Hervé Graumann. Die übliche Erfahrung, dass ein entferntes Objekt eine Leerstelle hinterlässt und ein hinzugefügtes Platz braucht, wird kraft der uns noch weitgehend unvertrauten Regeln des virtuellen Sehraums auf verblüffende Weise aufgehoben. Ein Beispiel aus der Serie war im Rahmen der “Media-Skulptur ‘99” im Kunsthaus Langenthal zu sehen, eine noch verwirrendere Variante wird derzeit im Rahmen von Graumanns Einzelausstellung im Genfer Centre Saint-Gervais gezeigt.

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Computerkunst ist steril, technoid, langweilig, unkreativ. So lauten die gängigen Vorurteile. Graumann, der an der Genfer “Ecole Supérieure de l’Art Visuel” anwendungsbezogen Informatik unterrichtet, hält dagegen, dass der Computer für Künstler ein “ernstzunehmendes, sehr interessantes” Arbeitsmaterial sei. Vorausgesetzt, man steigt auf der richtigen Systemebene ein. Das ist nicht unbedingt die Benutzeroberfläche. “Mich interessiert der Gebrauch, nicht die Technologie”, wehrt er den Verdacht ab, er sei ein Software-Aficionado. An der Informatik gefalle ihm, dass sich an einem bestimmten Punkt alles auf digitale Informationen zurückführen lasse – um dann wieder Bild, Ton, Text zu werden. Genau an diesem Flaschenhals der Umcodierung setzt er mit seinen Operationen an.

Natürlich lasse ihn die Technologie nicht kalt: “Sie ist smart, elegant – zumindest wenn sie funktioniert”. Schliesslich habe sie unsere Welt viel wirkungsvoller umgekrempelt als beispielsweise der Humanismus. Den 1963 geborenen Künstler beschäftigt die Frage nach den Konsequenzen der neuen Technologien für die Gesellschaft; es erstaunt kaum, dass er sich mit Autoren wie Paul Virilio auseinandersetzt. Das Bewusstsein, Zeuge eines epochalen Umbruchs zu sein, treibt ihn ebenso um wie die Einsicht, zur letzten Generation zu gehören, die noch ohne die neuen Technologien aufgewachsen ist, die noch nicht systematisch auf diese geeicht wurde – anders als seine nur um wenige Jahre jüngeren Schüler, für die sie schon eine oftmals unkritisch hingenommene Selbstverständlichkeit sind.

Graumanns Installation “Raoul Pictor cherche son style…” (1993) exerziert mit abgründigem Charme vor, was der Computer und die Informationstechnologien in letzter Konsequenz für die Kunst und für unsere überkommenen Erwartungen an sie bedeuten. Der Maler Raoul Pictor ist ein Homunculus, dessen Atelier sich auf der Website www.raoulpictor.com findet. Neben einer Ausstellungsliste – Raoul Pictor nahm zum Beispiel an der Biennale von Lyon 1995 teil – gibt es auch eine Bibliografie. Graumann spricht von seinem Computergeschöpf wie ein Galerist, der das tolle Treiben seines Künstlers mit neugieriger Zuneigung beobachtet. Auf der virtuellen Staffelei von Raoul Pictor entstehen automatisch “Gemälde”, sprich Computerbilder. Ein Algorithmus kombiniert die eingegebenen Formen immer neu, der Drucker spuckt ein buntes Bild nach dem anderen aus.

Eine Neuauflage der “Peinture automatique”, ein weiterer Angriff auf die unausrottbare Idee des künstlerischen Originals? “Nein, mir geht es um die Funktionsweise des Computers, das darin verborgene Potential. Warum soll ich meine Maus nehmen und immer neue Bilder malen, die doch immer die selben sind, weil das Ausgangsmaterial identisch bleibt? Also übernimmt doch besser gleich die Maschine die Arbeit und schöpft die Möglichkeiten voll aus. Das Thema ist klassisch: Der Maler im Atelier, vor seiner Staffelei, malt Bilder – aber mich kümmert’s wenig, was er macht, ich gebe ihm nur die Regeln vor, lasse ihn komponieren. Raoul Pictor produziert. Sind Künstler nicht Menschen, die ständig produzieren?” fragt er ironisch.

Wirklich kreativ sind im Computerzeitalter, das legt die Arbeit nahe, nur diejenigen, die im Hintergrund die digitalen Codes steuern. Sie entwerfen die Regelwerke der Produktion. Die perfide Kunstfalle “Raoul Pictor” erweist sich so als scharfe Analyse der Diskrepanz zwischen den standardisierten, normierten Produktionsbedingungen, denen wir unterworfen sind, und überhöhten Erwartungen an die Kunst.

Aber wen erreichen solche Arbeiten, wer interessiert sich dafür? So unverkrampft und pointiert wie sein Werk ist auch Graumanns Anspruch. “Wir leben in einer Welt, die versessen aufs Brauchbare ist. Alles muss zu etwas gut sein. Dabei gibt es doch zehntausendmal mehr Dinge, die zu nichts taugen. Aber man verzichtet darauf, sie herzustellen, weil sie nicht brauchbar sind. Die Poesie besteht darin, Dinge zu erfinden, Sätze, die plötzlich keinen Sinn mehr haben, die aber ein Fenster öffnen. Dinge, die nicht brauchbar sind. Wir sind nicht nur Konsumenten.”

Den Computer-Konsumenten führt die Internet-Arbeit “l.o.s.t.”, mit der Graumann auf der Documenta X vertreten war, an der Nase herum. Per Mausklick steuert man nicht wie gehabt einen Prozess, sondern verfängt sich in einem rätselhaften Gespinst aus Wörtern und Sätzen.

Eine seiner Arbeiten, die im Centre Saint-Gervais gezeigt wird, liegt dem Künstler besonders am Herzen: Eine Reihe von willkürlich im Raum verteilten Stehlampen, die durch vorprogrammierte Schaltkreise schnell ein- und ausgeschaltet werden. “Etwas, wohinter normalerweise eine Intention steckt, deren Umsetzung Zeit braucht – man muss aufstehen, zum Schalter gehen – geschieht hier vollautomatisch, rasend schnell. Ausserdem kommt die Arbeit mit dem aus, was gerade greifbar ist”. Da ist sie, die Verbindung zur Tellerwanderung: dieselbe Ökonomie der Mittel, dieselbe Reflexion über unsere durch Computer schleichende, aber tiefgreifend veränderte Wahrnehmung von Zeit, Raum, Handlung und Identität.

Barbara Basting